Geschichte
Schützenfest: die Geschichte einer Stadtaufgabe
Am Anfang stand keine Feier, sondern eine Pflicht. Wer eine Stadtmauer hatte, brauchte Leute, die sie verteidigten, und die mussten üben.
Schützenfeste haben einen unromantischen Ursprung. Als Städte im Spätmittelalter Stadtrechte und damit das Recht auf Befestigung erhielten, entstand zugleich eine Pflicht: Die Bürger mussten ihre Mauern selbst verteidigen. Dafür brauchte es Waffen, Übung und eine Ordnung, wer im Ernstfall wo steht. Aus dieser Ordnung sind die Schützengesellschaften hervorgegangen.
Das Fest kam später. Es war zunächst der Tag, an dem geübt und der beste Schütze ermittelt wurde, verbunden mit einem gemeinsamen Essen. Erst als die Verteidigungspflicht verschwand, blieb das Fest allein übrig, und aus der Übung wurde ein Wettbewerb um einen Titel.
Die Bruderschaft als soziale Einrichtung
Schützengesellschaften waren nie nur militärisch. Sie waren Bruderschaften mit religiöser Bindung, meist an einen Schutzpatron, und mit sozialen Aufgaben: Sie begleiteten Verstorbene, unterstützten Witwen und Waisen aus einer gemeinsamen Kasse und regelten Streitigkeiten unter den Mitgliedern. Diese Doppelrolle erklärt, warum sie den Wegfall der Wehrpflicht überlebten.
Der Schutzpatron war in vielen Gegenden der heilige Sebastian, ein römischer Soldat, der der Überlieferung nach mit Pfeilen beschossen wurde. Die Verbindung ist naheliegend, und sie hat sich in Namen, Altären und Festtagen bis heute gehalten.
Vier Wurzeln, die in jedem Schützenfest stecken
- Die Wehrpflicht: Bürger verteidigen ihre eigene Stadt, also üben sie.
- Die Bruderschaft: Kasse, Beistand, Begräbnis, Streitschlichtung.
- Der Glaube: Schutzpatron, Altar, Gottesdienst am Festsonntag.
- Die Rangordnung: Züge, Führer, Titel, und ein König für ein Jahr.
Das 19. Jahrhundert: aus der Pflicht wird ein Verein
Mit dem Ende der alten Stadtverfassungen verloren die Schützen ihre militärische Aufgabe. Was blieb, war die Organisation. Im 19. Jahrhundert wandelten sich die Gesellschaften in Vereine mit Satzung, Vorstand und Kasse. In dieser Zeit entstehen die Dokumente, aus denen wir heute lesen: Protokollbücher, Rechnungen, Mitgliederlisten.
1861 schlossen sich zahlreiche Vereine im Deutschen Schützenbund zusammen, ein Jahr später fand in Frankfurt am Main das erste Deutsche Bundesschießen statt. Damit war aus lokalen Übungen eine überregionale Bewegung geworden, mit eigenen Festen, Wettbewerben und einer Presse, die darüber berichtete.


Brüche im 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert brachte zwei tiefe Einschnitte. Während der beiden Weltkriege fielen Feste vielerorts vollständig aus, und in der Zeit des Nationalsozialismus wurden Vereine gleichgeschaltet, aufgelöst oder in andere Verbände überführt. Nach 1945 begann in vielen Orten ein Neuanfang, oft mit denselben Fahnen, aber neuen Satzungen.
Wie sich solche Brüche in einer einzelnen Chronik lesen, zeigt der Beitrag über die Jahre 1828 bis 1961: Dort stehen Anschaffungen und Jubiläen unmittelbar neben Jahren, in denen schlicht nichts eingetragen wurde.
Was davon geblieben ist
Von der Wehrpflicht ist nichts geblieben, von der Bruderschaft viel. Die Kasse, die Rangfolge, der Titel für ein Jahr, der gemeinsame Gottesdienst, die Fahne als Zeichen der Gruppe: All das sind Elemente, die aus der ursprünglichen Aufgabe stammen und heute soziale Funktionen erfüllen. Warum solche Formen sich halten, beschreibt der Text über Brauchtum und Weitergabe.